Das Geschäft mit der Angst

Es muss etwa im Jahr 2007 gewesen sein, als eine Studie die Menschheit aufhorchen ließ: Die Pharmaindustrie war mit ihrem Ansehen in der Bevölkerung scheinbar im Keller angelangt. Nur noch etwa 10% der befragten Amerikaner vertrauten in die Aussagen der Pharmaindustrie, ihren Umgang mit Studienergebnissen und die Werbung.

Eine erneute Umfrage aus diesem Jahr macht die Situation nicht wirklich schöner. Die Deutschen sehen die Pharmaindustrie außerordentlich kritisch. Wen wundert das?

Im Frühjahr dieses Jahres hat sich herausgestellt, dass die Berater, welche die Bundesregierung über den Einsatz und die Anschaffung der Schweinegrippeimpfung beraten haben, allesamt von der Pharmaindustrie bezahlt waren. Und in der Ausgabe der SZ vom 17.12.2010 wird auf der Titelseite auf einen Artikel mit der Überschrift „Die Tamiflu Lüge“ hingewiesen. Es zeigt sich also, dass sich mit der Angst der Menschen und der Politiker vor Krankheiten richtig viel Geld verdienen lässt. Und das scheint das einzige Ziel zu sein. Nicht nur, dass für Millionen von Euro nutzlose Schweinegrippeimpfstoffe von der Regierung gekauft wurden, es wird auch berichtet, dass das Land Bayern alleine 22 Millionen für Tamiflu ausgegeben hat. Und die Politiker haben sich bei der Anschaffung von den „seriösen“ Stimmen der Pharmaindustrie überzeugen lassen, und nicht auf kritische Stimmen gehört, die es schon seit Jahren zuhauf gibt.

Pharmaexperten bezweifeln nicht nur die Wirkung der Substanzen Zanamivir und Oseltamivir. Ein internationales Gutachtergremium in einem Netzwerk von Wissenschaftlern (Cochrane Collaboration) hat systematisch Übersichtsarbeiten zur Bewertung medizinischer Therapien erstellt und betont, dass selbst die Nutzeffekte der Virenhemmer massiv geschönt wurden.

Richtig bekannt wurden die Medikamente durch die Angst vor der Vogelgrippe im Jahr 2006. Wir erinnern uns noch an die Panik, wenn irgendwo ein verendeter Vogel gefunden und das ganze Gebiet von der Polizei abgesperrt wurde. Letztendlich wurde die Karriere der Medikamente aber durch eine Übersichtsarbeit aus 2003 befördert (Kaiser in Genf). Die Wirksamkeitsstudien, die dieser Arbeit zu Grunde lagen, wurden allesamt jedoch vom Hersteller selbst durchgeführt.

Tom Jefferson, der in Rom für die Cochrane Collaboration arbeitet, hat mehrfach Aufträge erhalten, die Wirksamkeit der Virenhemmer zu überprüfen. Und durch den Hinweis eines japanischen Kinderarztes wurde ihm sehr schnell klar, dass die Autoren der Wirksamkeitsnachweise allesamt vom Hersteller der Medikamente bezahlt wurden. Dass die Wissenschaftler vom Hersteller weitere Daten anforderten, war der nächste Schritt. Dieser wurde jedoch damit quittiert, dass weitere Daten nur unter der Voraussetzung der Abgabe einer Verschwiegenheitserklärung herausgegeben würden. Das ließen sich die Wissenschaftler nicht bieten und zogen unabhängige Forschungen heran. Diese enthielten die für die Pharmaindustrie katastrophale Feststellung, dass die Virenhemmer bei Atemwegserkrankungen in Folge einer Grippe nicht besser helfen würden als Placebos.

Ende 2009 machten Jefferson und seine Mitarbeiter diese Daten im British Medical Journal öffentlich. Auch die Zusicherung des Herstellers nach dem Bericht, alle Daten öffentlich zu machen, wurde bis heute nicht eingehalten, berichtet Chris Del Mar, Professor für Gesundheitswissenschaften im australischen Queensland. Und es scheint weiterhin, dass die Erhebung der Daten durch die Hersteller auch nicht im Entferntesten wissenschaftlichen Grundlagen genügten. So sagten die vorhandenen Studien etwas von keinen oder vernachlässigbaren Nebenwirkungen. Das steht aber in krassem Gegensatz zur Beobachtung japanischer Ärzte, die während der Behandlung eines Schweinegrippeausbruchs mit Tamiflu im vergangenen Winter speziell bei Kindern gehäuft das Auftreten psychotischer Zustände beobachteten.

Und Tom Jefferson hat sich für 2011 noch einiges vorgenommen: er möchte eine Bestandsaufnahme des Wissens über alle Influenzaviren-Wirkstoffe initiieren. Traurig, dass er im Vorfeld schon feststellt, dass er überall Indizien für manipulierte Dateien gefunden habe. Und er berichtet über den größten Behandlungsversuch eines Herstellers mit Virenhemmern in den USA, der keinen Effekt zeigte. Das Resumée: ein Ergebnis wurde nie veröffentlicht.

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