Lärm macht krank

Manchmal sind Studien ja auch für etwas gut. Zum Beispiel, wenn sie einem bestätigen, was man sowieso schon wusste. Das jedenfalls dachte ich mir, als ich die Studienergebnisse der dänischen Krebsgesellschaft las, die im renommierten European Heart Journal veröffentlicht wurde.

Diese Studie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Herzinfarkt, Schlaganfall und Verkehrslärm. Und das Ergebnis fiel eindeutig aus.
Steigt der Straßenlärm um 10 Dezibel im Durchschnittswert, so ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, gravierend höher. Zwar trifft diese Aussage definitiv nur für Menschen über 65 Jahren zu, allerdings konnten bei jüngeren Menschen bei dauernder Lärmbelastung auch schon Veränderungen wie zum Beispiel eine Erhöhung des Blutdrucks nachgewiesen werden. Damit wurden auch die Erkenntnisse aus einer früheren Studie belegt.

Der Leiter der Abteilung physikalische Noxen an der Universität in München, Georg Praml, kommentierte die Studie folgendermaßen: „es ist unbestritten, dass das Risiko für das Herz bei einem Dauerpegel über 55 Dezibel steigt“.
Das entspricht in etwa dem Durchschnittswert an einer durchschnittlichen Straße in der Stadt. Praml relativiert die Wertigkeit der Aussagen jedoch mit dem Einwand, dass Beurteilungen der Lärmbelastung immer als problematisch anzusehen seien, weil Lärmspitzen den Organismus mehr belasten als gleichmäßiger Dauerlärm. Und er relativierte die Studie weiter mit der Aussage, dass Rauchen oder Bewegungsarmut größere Risiken darstellten als Verkehrslärm.

Was lernen wir daraus?

Zunächst einmal, dass Studien durchgeführt wurden, die belegen, dass Verkehrslärm krank macht. Und dass nichts passiert, weil Verkehr ja wohl sein muss.
Und technische Möglichkeiten zur Lärmreduktion gibt es zuhauf, sie müssten nur genutzt werden. Damit sind bewusst nicht weitere Geschwindigkeitsbeschränkungen gemeint, die – wie eine amerikanische Studie belegt – hinsichtlich des Lärms so gut wie nichts bringen. Und nicht erst seit dem VW Skandal wissen wir, dass sich die Hersteller von Fahrzeugen weder um Menschen noch um die Umwelt kümmern, es sei denn, sie werden dazu gezwungen.
Auch zu beachten ist in diesem Zusammenhang eine Erhebung (nein, keine Studie) des Umweltbundesamtes, die zu dem Ergebnis kam, dass jeder fünfte Bundesbürger sich durch Lärm belästigt fühlt. Jeder fünfte! Und immer noch wird nicht gehandelt….

Und des Weiteren lernen wir, dass eine Studie sofort von einem anderen Professor kleingeredet wird, weil die Ergebnisse einfach nicht in das politische Konzept passen.

Die dritte Erkenntnis ist, dass die Dänen offensichtlich ziemlich multitaskingfähig sind, wenn man sieht, dass sich die Krebsgesellschaft um den Straßenlärm kümmert.

Und was bringt das für die Praxis?

Sehen Sie sich doch bitte einmal ihre Patienten an, die teilweise drei und mehr chemische und hochwirksame Blutdrucksenker nehmen, aber dennoch einen hohen Blutdruck haben. Wenn Sie bei diesen Menschen das Lärm- oder Strahlungsprofil (WLAN, Handy etc.) abfragen, könnte es sein, dass Sie aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen.

Da ist es auch wenig hilfreich, wenn eine andere amerikanische Studie zur effizienten Blutdruckeinstellung gerade abgebrochen wurde, weil in der Frühphase bekannt wurde, dass diejenigen Probanden, die auf einen Blutdruckwert von 140 systolisch eingestellt wurden, früher starben als diejenigen, die auf 120 eingestellt wurden.
Da rebelliert es in meinem Kopf gleich: wir sind doch Menschen und keine Vergaser, die man nach Belieben einstellen kann. Und dass die Aussage aus dieser abgebrochenen Studie so ausgehen muss, war auch klar. Das Credo der Pharmaindustrie lautet ja schon seit Jahren, dass der Blutdruck so niedrig wie nur irgendwie möglich sein sollte. Die Begründung für den Studienabbruch ist übrigens kaum belastbar, wird aber zumindest mit der Aussage gekrönt, man könne es aus ethischen Gründen nicht verantworten, die Probanden der 140er Gruppe einem so hohen Risiko auszusetzen. Da drängt sich bei der Betrachtung des Ganzen eine Valentinade auf, die man als Antwort auf die Frage geben könnte, warum denn der Blutdruck mal hoch und mal niedrig ist:
“Oiwei gleich ist er bloß bei der Leich.“

Vielleicht trägt dieser Aufsatz ja auch nur dazu bei, dass Sie ihr persönliches Lärmverhalten überprüfen und dementsprechend handeln. Dann wäre ja schon viel gewonnen…

Quellen:

  • SZ wissen
  • Die Zeit No. 35
  • NYHA pressure rate study 2014
  • Bundesumweltamt

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