Unnötige medizinische Interventionen

Wer heute die Süddeutsche Zeitung aufschlägt, könnte fast meinen, die US-Ärztevereinigung gehöre zu den regelmäßigen Lesern unserer Rubrik „Für Sie gelesen“. Sowohl auf der Titelseite als auch im Wissensteil widmet sich die große Tageszeitung einer Meldung aus den Archives of internal Medicine, in der die amerikanische Ärztevereinigung eine Liste erstellt hat, welche Untersuchungen und Therapien unnötig sind. Damit sollen die Patienten insgesamt weniger belastet und den Kassen natürlich auch eine Menge Geld gespart werden.

Gerd Antes vom Cochrane Institut, das die Qualität klinischer Studien bewertet, formuliert es so: „An Ärzte stellt es erhöhte Anforderungen, sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen ihres Tuns auseinander zu setzen und die Patienten müssen aus ihrer passiven Anspruchshaltung herauskommen“.

Im Einzelnen sehen die Forderungen so aus:

  • Bei Rückenschmerzen sind innerhalb der ersten 6 Wochen keine bildgebenden Verfahren notwendig, weil die meisten Beschwerden von selbst verschwinden. Ausgenommen sind Patienten mit entsprechenden Vorerkrankungen. Das kann von unserer Seite durchaus unterstützt werden, denn manuelle Therapien sind nicht auf radiologische, sondern auf eine gute funktionelle Diagnostik angewiesen. Hoffentlich dringt das auch bis zu unseren berufseigenen „Bösachtern“ durch…
  • Bei gesunden Erwachsenen sind keine routinemäßigen Blut- und Urintests notwendig, es sei denn es liegen in der Anamnese entsprechende Hinweise vor. Hier sind allerdings die Untersuchungen gemeint, die manchmal bei nahezu jedem Arztbesuch erhoben werden. Gesundheitliche Probleme unklarer Genese, die durch labordiagnostische Maßnahmen abgeklärt werden können, bleiben hiervon unberührt.
  • Ein EKG ist bei symptomlosen Patienten ohne besonderes Risiko nicht nötig. Die Aussage kommt zustande, weil sich Veränderungen an Kranzgefäßen im EKG nicht sicher nachweisen lassen. Allerdings sind bei EKG – insbesondere bei solchen, die in Stress-Situationen abgenommen werden – unklare Befunde so häufig, dass weitere invasive Untersuchungen notwendig werden und vielfach zu weiteren Fehldiagnosen und Übertherapie führen. Die Ärzte kommen zu dem Schluss, dass der mögliche Schaden den Nutzen deutlich übersteigt.
  • Bei banalen Atemwegsinfekten soll auf Antibiotika verzichtet werden, da die meisten dieser Infekte durch Viren ausgelöst werden und damit sowieso nicht auf Antibiotika reagieren. Das gilt insbesondere für Schnupfen und Halsentzündungen mit Ausnahme derer, bei denen Streptokokken nachgewiesen werden. Unter dem massiven Einsatz von Antibiotika leiden die Patienten, denn die Folgen einer solchen Therapie sind sehr vielschichtig – vom Großangriff auf das darmassoziierte Immunsystem und die Intestinalflora einmal abgesehen.
  • Ein Abstrich am Gebärmutterhals ist bei Frauen unter 21 Jahren unnötig, denn in jungen Jahren bilden sich Zellveränderungen rasch alleine zurück. Und die Tests führen nur zu Verunsicherungen.
  • Knochendichte-Messungen sind bei Frauen unter 65 und Männern unter 70 Jahren unnötig, weil „es zum normalen Alterungsprozess gehört, dass Knochen dünner werden“. Hört, hört, hat das Rüdiger Dahlke nicht schon vor mehr als 20 Jahren postuliert?!
  • Fettsenkende Medikamente sollen nicht allen älteren Menschen verordnet werden. Das ist logisch, denn die Grenzwerte für den Einsatz von Lipidsenkern wurden in der jüngeren Vergangenheit von meist von der Pharmaindustrie abhängigen Forschern und deren Studien immer weiter abgesenkt und damit aus gesunden Menschen kranke gemacht.
  • Wenn Kinder auf den Kopf fallen und nicht ohnmächtig sind oder andere Ausfallerscheinungen zeigen, sind bildgebende Verfahren unnötig. Die Ausnahmen hierfür sind Benommenheit nach dem Sturz, Alter unter 2 Jahren, Stürze aus mehr als einem Meter Höhe, äußere Verletzungen oder kognitive Einschränkungen. Werden Kinder nämlich zu früh Röntgenstrahlen ausgesetzt, steigt ihr Krebsrisiko.
  • Mit Cortisonspray können Asthmaanfälle vermieden werden und so reduzieren sich die Einweisungen in Krankenhäuser – diese Aussage muss nicht kommentiert werden.
  • Bei chronischer Mittelohrentzündung sollten Kinder nicht gleich ins Krankenhaus eingewiesen werden. Begründung: In den meisten Fällen heilt die Erkrankung innerhalb von drei Monaten alleine aus – ohne Nebenwirkungen und Komplikationen. Ganz unwidersprochen kann diese These allerdings nicht bleiben, denn wenn eine Mittelohrentzündung chronisch wird, ist sie entweder retoxisch behandelt worden, eine Folge anderer Behandlungen oder Impfungen, oder alle Vorbehandlungen haben keine Wirkung gezeigt.
  • Hustensäfte und Erkältungsmittel sind nutzlos, es gebe keine wissenschaftlichen Beweise, dass Hustenmittel oder Medikamente gegen Schnupfen die Dauer des Leidens verkürzen oder gegen die Erkrankung helfen. Sie gehen lediglich mit Nebenwirkungen einher, in seltenen Fällen sogar mit tödlichen. 

Zu den meisten dieser Aussagen sind auf dieser Seite in den letzten Jahren Veröffentlichungen erschienen. Was in den Empfehlungen der National physicians Alliance (NPA) generell fehlt, ist die Angstmache mit Mammographie, PSA-Screenings, HPV-Impfungen und ähnlichen Horrormeldungen.

Und dass die letzte Aussage mit unserer täglichen Arbeit in der Praxis schnell widerlegt werden kann, bedarf eigentlich keines gesonderten Kommentars. Die Studie verweist in diesem Fall aber auch nur auf frei verkäufliche Grippe-, Husten- und Schnupfenmittel in den USA. Damit ist die Situation dort ähnlich problematisch wie hier. Nur in Deutschland betrifft sie derzeit auch die Hausapotheke mit Schüßler-Salzen. Die Medikamente werden vielfach unkontrolliert, in falscher Dosierung und in Unkenntnis der elementarsten biochemischen Vorgänge im Organismus gegeben bzw. eingenommen und es liegt dann natürlich am Mittel, das nicht hilft. Was im Übrigen auch eine Crux bei den sogenannten Wissenschaftlichen Forschungen über die Wirkungsweise von frei verkäuflichen naturheilkundlichen Präparaten ist.

In keiner dieser Studien wurde hinreichend differenziert, in welchem Stadium die Krankheit ist und pauschal irgendein pflanzliches, homöopathisches oder spagyrisches Mittel gegeben. Das ist mindestens so schlecht wie die Aussage: Kalium chloratum biochemisch hilft bei Schnupfen. Gott sei Dank wissen wir es besser.

Aber die Hoffnung bleibt, dass sich die amerikanische Ärztevereinigung weiterhin Tipps auf unserer Seite abruft.

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