Lust und Frust

An der Universität Bonn gibt es ein Institut für Kinderernährung. Das klingt zumindest schon einmal bedrohlich für Kinderohren, den dort tätigen Wissenschaftlern fällt wahrscheinlich nichts besseres ein, als den Kindern die so heiß geliebten Pommes, die Spaghetti und die Süßigkeiten zu verbieten.

Aber nichts davon war in der Mitteilung zu lesen, die vorab im American Journal of Clinical Nutrition erschienen, jetzt auch wieder nach Deutschland zurückgekommen ist und kürzlich veröffentlicht wurde. Es stimmt bedenklich, dass viele deutsche Forschungen zunächst in den Staaten veröffentlicht werden müssen, um dann eine Relevanz im Mutterland zu erhalten. Andererseits, und so soll der Schleier geöffnet werden, geht es in der aktuellen Forschung gar nicht um Nahrungsmittel, sondern um Getränke. Tatsächlich haben sich die Forscher die bei vielen Kindern so beliebten Limonaden vorgenommen und mit Hiobsbotschaften versucht, das Volk aufzurütteln. Denn die aktuelle Untersuchung besagt, dass „Jugendliche, die oft Limonaden trinken, weniger mineralhaltige und damit weniger stabile Knochen haben“. Allerdings ist das nur eine Erfahrung. Die Forscher meinen, „worauf der Effekt zurückzuführen sei, müsse noch geklärt werden.“

Der Heilpraktiker reibt sich die Augen und liest den ganzen Text etwas ungläubig. Mit einem Blick auf den Kalender stellt er fest, dass er sich tatsächlich im Jahr 2009 befindet. Denn er kann sich vage erinnern, dass der Augsburger Kollege Gerhard Glas schon vor fast einem halben Jahrhundert mit exakt derselben Aussage an die Öffentlichkeit getreten ist und dafür keinen Nobelpreis bekam. Aber leider versäumte Kollege Glas wahrscheinlich den Umweg über Amerika oder vielleicht auch über England.

Aber kehren wir zurück zur aktuellen Studie, um unseren alten Erfahrungen auch die gebührende Achtung zukommen zu lassen. Neben der allgemeinen Osteoporosegefahr durch das Trinken von Limonade stellten die Wissenschaftler einen direkten Bezug beim Verzehr coffeinhaltiger Limonaden fest. Allerdings wissen die Forscher noch nicht, worauf diese beruht, so der Originaltext. Also kann die naturheilkundliche Feststellung wieder vorgebracht werden, dass zu viel Koffein einerseits den Leberstoffwechsel nachhaltig stört und des Weiteren zur Elimination seiner Abbauprodukte aus dem Organismus eine nicht unerhebliche Menge Calcium notwendig ist. Diesen Zusammenhang haben die Forscher allerdings noch nicht entdeckt. Sie vermuten eher, dass mit einem höheren Verbrauch von Cola, Apfelschorle und Zitronenlimo auch eine generell kohlenhydratreichere und proteinärmere Ernährung einher ginge. Wo doch jeder weiß, dass Proteine wichtig sind für die Knochenernährung. Vielleicht also doch gelegentlich zu McDonalds, um mit einem Burger oder einem McChicken die Proteinbilanz wieder ein bisschen aufzubessern? Aber Spaß (?) beiseite, die wirklich phänomenale Erkenntnis kommt am Ende der Veröffentlichung. Hier steht allen Ernstes, dass die Wissenschaftler bislang vermutet hätten, der negative Einfluss von Softdrinks sei eher darauf zurück zu führen, dass die Limonaden Milch als Getränk ersetzen. So zumindest meint das Studienautor Lars Libuda. Allerdings betont er auch, dass zwischen Milchkonsum und Knochenmineralgehalt kein spezifischer Zusammenhang festzustellen sei.

Gut, kaum hat man das Problem der Coca Cola-Aufzuchten zur Kenntnis genommen und sich hinreichend gewundert, dass eine solche Studie überhaupt herausgegeben wird, da erschüttert ein neuer Artikel von Wiebke Rögener in der Wissensabteilung der Süddeutschen Zeitung exakt eine Woche vor Weihnachten unser Gemüt. Unter dem Titel „Gift in der Limo“ wird nämlich berichtet, dass in Limonaden mit einem oft nur geringen Anteil von etwa 5 % Fruchtsaft eine Menge Pestizide und Herbizide aus eben diesen Fruchtextrakten gelangen (Analytical Chemistry, Bd.80, S.8966, 2008). Das betreffe vor allem jene Produkte, bei denen reine Pflanzenextrakte zur Anwendung kämen. Auch von den acht deutschen Produkten läge die Belastung im mittleren Bereich. Teilweise aber lägen die Belastungen weit über den zulässigen Grenzwerten der Trinkwasserverordnung, aber noch unter dem Wert, der nach EU-Bestimmungen in den einzelnen Früchten zugelassen ist. In wie weit eine über das gefundene hinaus gehende Belastung mit Giften, die in der EU verboten sind vorliegt, müsse allerdings noch überprüft werden. Keinerlei Belastungen hingegen wiesen der Veröffentlichung nach Produkte auf, deren Aromen in Labors hergestellt und damit vielleicht gerade mal naturidentisch waren. Oh schöne neue Welt! Da denkt man als Eltern, man tut seinem Kind was Gutes und kauft – wenn‘s schon unbedingt Wasser mit Geschmack sein muss – ein Produkt mit pflanzlichen Inhaltsstoffen und dann das!
Bei der Studie, in der ein Team um Antonio Molina-Diaz von der spanischen Universität Jaèn 102 Softdrinks aus 15 Ländern auf 100 verschiedene Chemikalien untersuchte, enthielten einige Proben sogar mehr als 7 verschiedene Gifte. Besonders belastet seien Softdrinks aus Großbritannien und Spanien, teilen die Forscher weiter mit.

Aber trösten Sie sich! Ebenso wie bei der Limonadenstudie der Universität Bonn tappen wir auch bei den Pestiziden und Herbiziden im Dunkeln, denn um welche Präparate es sich handelt, wurde von der Süddeutschen Zeitung nicht benannt.

Trauriges Resümee der Autorin: Es sei einfach, die Giftmenge zu reduzieren, die hauptsächlich aus der Schale pestizidbehandelter Zitrusfrüchte stamme. Ein Großteil der Hersteller verzichtet offenbar darauf, die Früchte vor der Verarbeitung zu waschen und zu schälen.

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